Hajo Seppelt ist ein Sportjournalist.
Jemand, der in Klischees denkt und schreibt, würde vielleicht davon sprechen, dass man ihm das auch ansieht: Zum Medienworkshop in Potsdam kommt er in viel zu großen Jeanshosen, die um seine Beine herumschlabbern, das Hemd nass vom Regen, das Loch in seinem rechten Schuh hat er selbst noch gar nicht bemerkt. Eine Powerpoint-Präsentation wie sein Vorredner hat er nicht mitgebracht - schöne, klare schwarze Buchstaben auf simplem weißen Hintergrund. Stattdessen hat er eine Menge Geschichten dabei über die Arbeit eines investigativen Journalisten, vor allem die eines investigativen Sportjournalisten.

Denn im Sport, betont er erneut die Erkenntnis, die auch immer wieder gern auf den Medienseiten diverser Zeitungen aufgegriffen wird, geht es nun einmal vor allem um Emotionen. Deshalb sind viele Sportjournalisten oft mehr Fans als Berichterstatter, mehr Zeitzeugen als Kritiker.

Diese Erkenntnis ist nicht neu und auf einer Metaebene des Journalistenberufs, die man mit einer sehr kurzen Leiter erreicht, wenn man sich ein wenig mit der Thematik beschäftigt.
Und doch lauschen alle 34 Nachwuchsjournalisten (selbst die sportuninteressierten Exemplare) aufmerksam, denn Hajo Seppelt verpackt die sehr nüchterne Moral in gerade so viele Hajo-Jones-Abenteuergeschichten, die alle lagerfeuergerecht mit "There's a good story..." beginnen, dass sie haarsträubend aber nicht ausgedacht klingen. Versteckte Kameras, verpixelte Gesichter auf den Aufnahmen, geheime Treffen in der hintersten Ecke einer ominösen Kneipe, Keller, bis zum Rand gefüllt mit Dopingmitteln und bewacht von grimmig dreinschauenden Muskelrussen - Stoff, aus dem Kinofilme gemacht werden.

Kinofilme - und keine stundenlangen Fernsehbeiträge für den deutschen Durchschnittsbürger.
Und Hajo Seppelt wird nicht müde, das zu betonen. Die Kritik an diesem Umstand, an der zu geringen Berichterstattung über Doping-Themen im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, haben ihn auf eine abstruse Weise zu dem gemacht, was er heute ist - noch vor fünf Jahren war er Schwimm-Berichterstatter für die ARD, bis eine Mail von ihm den Weg in die Öffentlichkeit fand, in der er die eigenen Vorgesetzten anprangerte für den laxen Umgang mit dieser Thematik. Die ARD-Verantwortlichen schubsten ihn allerdings nicht von diesem schmalen Grat, sondern ließen ihn in die andere Richtung weiterlaufen: Nun ist er hauptberuflicher "Doping-Beauftragter" und hat an diesen Sätzen festgehalten.

Berichterstattung über Doping im deutschen Fernsehen? Immer noch zu wenig, befindet er, auch wenn selbst einige Kollegen finden, dass die Sportberichterstattung im Allgemeinen schon jetzt zu ernst und negativ für das Publikum ist.

Ob er schon Journalistenpreise für seine investigative Arbeit bekommen hat, möchte ein Teilnehmer im naivblauen T-Shirt wissen. Hajo Seppelt schaut ein wenig schief. Preise, sagt er, sind zwar ganz nett und manchmal schön anzuschauen - vor allem für Sportjournalisten, die ja immer ein bisschen eitel sind, vor allem die vom Fernsehen. "But you mustn't forget to focus on the work." Und die genaue Zahl kennt er nicht, die stehe auf seiner Website, sagt er. Die Preise verschwinden nämlich in irgendeiner Kiste und werden nicht auf Hochglanz poliert auf dem Kamin drapiert oder an die Wand gehängt. "Da hängen nur meine Diplome."

Sprichts, erzählt noch ein paar "gute" und ein paar "witzige" Geschichten und verschwindet im Regen.
Direkt ins nächste Abenteuer.
Oder vielleicht auch nur zum Schuster, das kann bei ihm wohl niemand mit Sicherheit sagen.

Das Interview mit Hajo Seppelt, das für die Europäische Jugendpresse im Rahmen des Workshops enstanden ist (und leider nicht länger sein durfte) zum Ausdrucken und an die Wand hängen findet sich hier:

http://www.orangelog.eu/en/topics/m100-potsdam-2010/articles/article/article/391/510/