Was diese Menschen treibt, lässt sich wirklich nur schwer verstehen. Oder besser: Es lässt sich einfach verstehen, es ist der Zeitdruck, die Hektik, die Panik, etwas zu verpassen. Aber das lässt sich nun wieder schwer verstehen.

Warum sich nicht einfach einmal in Ruhe hinsetzen am Münchner Hauptbahnhof, zurücklehnen? Wetten abschließen auf die Zieleinfahrt der kleinen, orangenen Bahnhofsservice-Autos, die viel Gepäck und dessen Rentner durch die Gegend fahren, die auf dem Rücksitz trohnen wie auf dem Lederpolster einer Rikscha?
Warum nicht die Glitzerbeleuchtung ihr Werk vollbringen, den Bahnhof überfluten und die Werbetafeln zu einem fröhlichen Ratespiel werden lassen? Kai Pflaume beispielsweise in seinem blauen Pullover grinst auf diese Art plötzlich von seiner blauen Folie herunter und preist "einheimische Zahnbürsten" an.

Viel mehr Menschen könnten diese wunderbaren Kleinigkeiten genießen, die den Bahnhof auf diese subtile Art zu einer Wohlfühloase in diesem Stadtgefühl machen, würden sie nur alle so sehr in sich ruhen, wie die Kaffeebohnenfachverkäuferin hinter der Theke des toilettenlosen Franchise-Wohnzimmers. "Madonna mia!", ruft sie hin und wieder unaufgeregt, wenn sich einer ihrer Untergebenen sehr dumm angestellt hat, weil er überhaupt nicht in sich ruht, und dann lachen alle ihre Untergebenen gelöst. Beinahe.

Wie bei einer großen WG-Party ist das dann, wo die Stimmung so gut ist, dass immer wieder neue Menschen in das Wohnzimmer strömen. Da die Tür zu schließen hieße ja, den Strom der Feierwütigen zu unterbrechen. Deshalb bleibt sie offen und alle Menschen lassen ihre Jacken an - so ist man ja auch viel spontaner. Denn im IC920, hört man, soll es noch wilder zugehen als im Wohnzimmer. Ein Bordbistro soll es geben, munkelt man, aber nur für VIP-Gäste zugängig. Deshalb ist der Eintritt entsprechend hoch, aber was will man machen, wenn die WG-Party schon 23Uhr zu Ende ist?

Eben, machen kann man da nichts, wie man auch nichts machen konnte, als die erste Party des Abends abgebrochen wurde. Nicht, weil die Polizei sie aufgelöst hätte - die ist zu beschäftigt mit anderen Dingen, die im Bahnhof vorgehen oder nicht vorgehen oder vorgehen könnten. Nein, die Gastgeber selbst, diese Langweiler, warfen um 9 alle hinaus. Nicht mit Worten - mit Green Day. Das war sehr effektiv, denn solch verrückte Punkmusik mag niemand gern hören, wenn er es sich gerade gemütlich gemacht hat.

Wahrscheinlich ist es dieses ewige Hin und Her, dieses nicht-ausharren-Können auf einer Party, die den Menschen die Hektik einimpft und den Blick auf die sanfte Ruhe im Bahnhof verstellt. Dieser Gedanke ist es wert, weiter verfolgt zu werden. Später, nachdem ich schnell den Tee ausgetrunken und einen Platz im Zug erwischt habe.