Ein paar knautschige Kinderbasketbälle haben wir heute Morgen schon durch das Foyer der Sporthochschule Köln geworfen, praktischer wird es heute erst einmal nicht mit der physischen Betätigung. Stattdessen geht es bei der 7. internationalen "Play the Game"-Konferenz um die Theorie, die Politik, die Hintergründe, die Abgründe.

[➥][Begrüßung]

Die Redebeiträge sind alle in Englisch und in ihrer Informationsdichte und der zauberhaft hingenuschelten Dialekte aus - bisher - Deutschland und Skandinavien nicht so einfach zu verfolgen. Nach den Begrüßungsworten des Hochschuldirektors Walter Tokarski zieht gerade PtG-Leiter Jens Sejer Andersen eine Parallele zwischen dem 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit, "dem Tag nach einer Zeit, in der Undenkbares geschehen ist", zu diesem Tag als Klammer um große Entwicklungen im Sport. "Wer hätte noch am 3. Oktober 2010 gedacht, dass man ein paar Monate später die Art, wie die FIFA den Weltfußball organisiert, so massiv in Frage stellen würde? Auch im Sport geschehen manchmal undenkbare Dinge." Er spricht auch das Doping in Westdeutschland und die Missbrauchsvorwürfe gegen das US-amerikanische Turntrainer-Idol Don Peters an. “Gibt es auch heute Geschichten aus dem Sport, von denen der Sport weiß, die aber erst bei Play the Game 2037 enthüllt werden?”

"Play the Game" soll aber nicht nur ein Austauschplatz von Argumenten und Anekdoten werden: Zum Ende der Konferenz soll es zum ersten Mal allgemeine Vorschläge für Veränderungen im Sport geben. Deshalb steht der Donnerstag unter dem Titel "Change in Sport Day"; es soll ein "Cologne Consensus" verabschiedet werden.

Heute Nachmittag wird außerdem Richard Pound seine Rede zur Korruption im Sport halten, Jens Weinreich hat sie in seinem Blog bereits ausführlich angekündigt. Bis dahin geht es um Mega-Events in Brasilien, die Rolle der EU für den Sport, eine Pressestudie, später steht auch Wettmanipulation auf dem Plan. Das Programm gibt es hier.

[➥][Anja - Doris Pack: Role and influence of the European Union]

Doris Pack vom Komitee für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments beschreibt, wie schwierig es ist, die Zuständigkeiten herauszufinden, wenn es um Sportthemen wie Spielmanipulation auf europäischem Level geht. "Wir machen auf diese Probleme aufmerksam, wir betonen, dass die Minister zusammenarbeiten müssen, damit es Lösungen geben kann. Aber die Frage zum Beispiel bei Spielmanipulation ist immer noch, ob wir da etwas tun sollten." Man diskutiere das immer noch, habe viele Verhandlungen zu dem Thema gehabt, "aber es ist schwierig, genau zu wissen, wo wir als Europäisches Parlament eingreifen können. Es sollte eine rechtliche Möglichkeit für uns zum Handeln geben, wenn die Uefa diese Aufgaben nicht übernimmt."

[➥][Daniel - James M. Dorsey: Sport und Fußball im Nahen Osten]

Es spricht James M. Dorsey, Autor eines Blogs über Sport im Nahen Osten und in Nordafrika. Jens Weinreich befiehlt das Blog zur Dauerlektüre. Ich werde reinschauen. Dorsey sagt: Fußball war im Nahen Osten und in Nordafrika schon immer politisch, seit die Briten es eingeführt hatten. Sport im Nahen Osten sei schon immer eine Art Kriegsschauplatz gewesen. In Kairo gibt es zwei Teams – Al Zamalek und Al Ahly – deren in regelmäßigen Derbys gepflegte Feindschaft so groß sei wie sonst nirgendwo. Selbst die Polizeikräfte haben Angst vor den Ultras der Klubs, sagt Dorsey. Die ägyptische Revolution Anfang des Jahres sei auch durch die organisierten Fußball-Ultras möglich gewesen. Die Fans der beiden verfeindeten Klubs hätten sich gemeinsam für ihre Freiheit stark gemacht. Die Fußball-Ultras standen bei der Revolution in der ersten Reihe, sagt Dorsey – und schmähten die Polizei nach der Revolution auch im Stadion. Eindrucksvolle Videos. Fußballfans in Ägypten haben offenbar großen politischen Einfluss.

[➥][Anja - Thomas Horky & Jörg-Uwe Nieland: International Sports Press Survey]

Jörg-Uwe Nieland beginnt mit der Präsentation der ersten Ergebnisse einer Studie über weltweite Presseberichterstattung - analysiert wurden beinahe 18 000 Artikel in 80 Zeitungen aus 22 Ländern innerhalb von zwei Wochen, damit ist diese Studie die bisher umfangreichste ihrer Art. Play the Game hat vor sechs Jahren schon eine ähnliche Studie veröffentlicht, "die hat uns eine Orientierung gegeben für diese", sagt Nieland.

Die Studie von 2011 zeigt unter anderem: Zwei Drittel der Artikel sind sehr personalisiert und mit einem Autoren verbunden, Nachrichtenagenturen sind nur in etwa 15 Prozent der Fälle die Hauptquelle. Etwa 10 Prozent nehmen die Texte ein, deren Primärquelle nicht deutlich erkennbar ist.

92 Prozent der Artikel sind von Männern geschrieben worden - die Studie von "Play the Game" 2005 zeigte annähernd gleiche Zahlen, "dort gibt es also kaum eine Entwicklung", sagt Thomas Horky. "Das ist sehr schade", denkt Anja, sagt es aber nicht laut, weil sie wie wahnsinnig mittippt.

Ähnlich ist es bei den Inhalten: Werden Sportler thematisiert, sind es in 85 Prozent der Fälle Männer.

Fußball ist natürlich die Sportart, über die am intensivsten berichtet wird (annähernd 42 Prozent, es folgt Tennis mit 8 Prozent) - vor allem in Rumänien wird das deutlich, die Fußballberichterstattung nimmt 85 Prozent der Sportartikel ein. In Deutschland sind es 60 Prozent. Auch in Südafrika ist die Berichterstattung über Fußball intensiv: Beinahe 50 Prozent der Artikel beschäftigen sich mit diesem Thema. "Das zeigt deutlich die Auswirkung einer Großveranstaltung wie der Fußball-WM 2010 in Südafrika", sagt Horky.

Die Zusammenfassung aller Ergebnisse kurz und schmerzlos von Horky: "Artikel in Printmedien haben also einen Mangel an Qualität."

Nähere Informationen dazu versprechen die beiden auf den Websites: www.mhmk.de und www.dshs-koeln.de

[➥][Jonathan - Hans Bruyninckx: Was sich am Sportrecht ändern muss]

Als “sportpolitical nerd” von J. S. Andersen vorgestellt, beschäftigte sich Hans Bruyninckx (Professor of International Relations and Global Governance) mit den Zuständigkeiten im Sport. Er spricht mehrere Frage an: Wer darf die Regeln im Sport festlegen? Für wen gelten sie? Wo liegt der Unterschied zwischen staatlicher und privater Zuständigkeit? Wer darf diese Linie bestimmen?

Insgesamt würde die Sportwelt auf extreme Art und Weise von Regeln getrieben werden. Über jedes Detail muss ein Paragraph stehen: contract rules, sponsoring rules etc. Er unterscheidet die derzeit gültige Steuerung der Zuständigkeiten im Sport in drei Bereiche:

• public sport governance

• private sport governance

• networked governance (ex. IOC/ UEFA Verbindung mit UN-System)

Diese Aufteilung der Zuständigkeiten wird all zu oft nicht eingehalten, obwohl die eigentliche verpflichtende Steuerung in vielen Fällen offensichtlich ist. Beispiel Rassismus: Rechtsradikalismus im Fußballstadion, ist keine Sache des Verbandes oder des Dachverbandes, sondern eine klare Angelegenheit für denn Staat, fällt somit unter die “public law”. Beispiel Finanzen: Verbände müssen wie jedes normale Wirtschaftsunternehmen behandelt werden. Die Bilanzen sollten offengelegt werden, Transaktionen transparent sein…

Wenn die Sportwelt nicht bereit ist auf die offiziellen Regeln einzugehen und ihr eigene Regelwelt erschafft, muss etwas verändert werden. Oder soll auch zukünftig die Sportwelt von Diktatoren reguliert weden? Oder von Verbänden, die sich um keine Menschenrechte scheren?

[➥][Anja - Statement William Gaillard, Berater des UEFA-Präsidenten Michel Platini]

“There is not too much to be optimistic about in the world of sport.”
Wenn selbst jemand von der UEFA keine Hoffnung hat – wie sollten wir?

[➥][Nachtrag "International Sports Press Survey"]

Inzwischen stehen die Ergebnisse der Studie auch mit Diagrammen auf der PtG-Website im Netz.

[➥][Daniel - Richard Pound: Responses to corruption in sport]

Richard Pound klagt an. Der Sport hat das Problem der Korruption bislang nicht angepackt. Und wird – wenn er so weiter macht – enden wie Wrestling: irgendwo zwischen Zirkus und Farce. Die Glaubwürdigkeit des Sports und seiner Vertreter ist, so sagt es Pound, “sehr stark in Frage gestellt”. Doping wird oft als größtes Problem des Sports gesehen. Für Pound ist Doping nur eine Unterart der Korruption im Sport. Doch die Verantwortlichen lenken ab. Sie gehen das Problem nicht an, mit externen Ermittlern, Transparenz und dem Willen zur Aufklärung. Stattdessen begrenzen sie Korruption im Sport gerne nur auf Wettmanipulationen. Das IOC setze seine Mitgliedsverbände zu wenig unter Druck, sein Fazit in Sachen FIFA ist zerschmetternd:

"In my respectful opinion, FIFA has fallen far short of a credible demonstration that it recognizes the many problems it faces, that it has the will to solve them, that it is willing to be transparent about what it is doing and what it finds and that its conduct in the future will be such that the public can be confident in the governance of the sport. At the moment, I do not believe that such confidence exists or would be justified if it did."

Die Medien, sagt Pound, betreiben zu wenig investigativen Journalismus. Eine Ausnahme ist Jens Weinreich. Er hat die gesamte Rede Pounds in seinem Blog veröffentlicht.

[➥][Jonathan - Werner Pitsch: Survey about match fixing]

Die Ergebnisse einer “match fixing”-Studie, die an der Universität Saarland am Institut für Sportwissenschaft von Dr. Werner Pitsch betreut wurde:

• 14% der befragten Spieler waren persönlich in ihrer Karriere in einen Spielbetrug involviert

• Die Spielmanipulation ist nicht nur ein Phänomen der oberen Spielklassen in Deutschland

• Es geht dabei nicht primär um Bestechung mit Finanzspritzen. Schon kleine Güter (Bier, Sportequipment) können lukrativ genug erscheinen.

Für die vorgestellte Studie wurden 277 Sportler befragt, Zahlenhintergründe: 19% weiblich, 71% Fußballspieler aus der Saison 10/11, 92% spielten mehr als eine Saison Fußball, Durchschnittsalter 26 Jahre, ca. die Hälfte aus der Kreisklasse, nur 1,5% aus den Profiligen.

Bei der anschließenden Q&A sprach Dr. Pitsch von einer nicht zufriedenstellenden Anzahl Probanden - er hatte auf 2000 Personen gehofft. Die Methoden der Untersuchung liefere ich gleich noch nach, sobald ich Nachfragen mit ihm geklärt habe.

[➥][Daniel - Declan Hill: Match-fixing: The real story]

“Anyone can fix”, sagt Declan Hill. 2005 habe er das erste Mal gewarnt, dass es in fünf Jahren ein Riesenproblem geben wird mit Sportwetten. “Viele waren damals skeptisch. Und jetzt? Im Moment laufen 24 polizeiliche Ermittlungen wegen Wettmanipulationen.” Hill sagt, die nächste Stufe von Wettmanipulationen sei erreicht. Der asiatische Sport sei zerstört und weil Wetten mittlerweile online abgegeben werden, weil jeder von überall jedes Spiel manipulieren kann, sei der Sport bedrohter denn je. “Wir brauchen unbedingt eine Welt-Anti-Korruptions-Agentur”, sagt deshalb Declan Hill. Und Hill möchte mehr Frauen sehen in hohen Sport-Funktionen. “Das stoppt die Jungs, sich wie Jungs zu benehmen.”

[➥][Daniel - Spaß für jung und alt]

Das erste Glas Sekt auf leeren Magen – abgehakt. Bis später.

[➥][Jonathan - Dancen]

Zwei Brötchen, eine Boulette, eine Sekt später… im Hintergrund Hardcore-Beat-Sporthochschule-Breakdance. Daniel tanzt schon. Pause machen.

[➥][Anja - Abendunterhaltung]

Zum Glück bleibt einer von uns vernünftig und vor allem: wach für die Umgebung. Bin einem Skandal auf der Spur. Nachtschwarze, halbtransparente "Play the game"-Shirts gibt es nur ab Größe 38! Das muss ein Indiz sein. Werde noch herausfinden, für was. Hat vielleicht mit dem Gymnastikstretch-Ring in der Willkommenstasche zu tun...

[➥][Interview]

NRWISION befragt uns zu unseren Blogs und zum Liveblog-Konzept. Sehr helle Scheinwerfer, aber wir ertragen es heroisch. Läuft wohl im November.

[➥][Anja & Daniel - Mario Goijman und "sein" Volleygate]

Vollgeschrieben sind sie, die Folien von Mario Goijman. Und sie wechseln sich so rasend schnell ab, dass die Zuhörer im Plenum ihnen meistens nur noch hinterherschauen können. Goijman entschuldigt sich für die Geschwindigkeit, aber er hat viel zu erzählen, das hatte er auch schon bei Play the game 2006. Volleygate heißt der Fall, den Goijman, ehemaliger Präsident des argentinischen Volleyball-Verbands und Organisator der Volleyball-WM 2002 in Argentinien, beschreibt und den er 2005 aufgedeckt und publiziert hat. Um massive Korruption im internationalen Volleyball ging es dabei, in Person um Ruben Acosta, den Präsidenten des Volleyball-Weltverbandes (FIVB). Das Wichtigste zum Thema Volleygate hat Play the Game hier zusammengefasst.

Heute präsentiert Goijman aktuelle Entwicklungen zum Volleygate. Ganz grundsätzlich: Ruben Acosta scheint sich vor Gericht durchzuwinden. Acostas 26-Millionen-Betrug wird vor Gericht offenbar nicht als absichtlich bewertet. Goijman durfte die Entscheidung nicht anfechten, weil er nicht persönlich betroffen war, sondern den Fall nur angezeigt hatte. Persönlich betroffen war nur der Weltverband FIVB. Der hat jedoch den gleichen Anwalt wie Acosta, sagt Goijman. Es sieht nicht gut aus, deshalb bittet er um Hilfe. Goijman und seine Mitstreiter haben kein Geld mehr für weitere Prozesse, er selbst hat kein Auto mehr, kein Haus, keine Kreditkarten. Er ist verzweifelt. Aber: Er bereut seinen Kampf nicht. Sport sollte eine Möglichkeit sein für Bildung, Ethik und Fair-Play und nicht nur dazu da, um so schnell wie möglich Geld zu machen. “Ihr, die Journalisten, seid meine letzte Hoffnung.”

I do not regret

Jens Sejer Andersen fasst zusammen: Die Situation hat sich dank Mario Goijmans Kampf seit 2005 verbessert, der neue Volleyballpräsident Jizong Wei – Acostas Nachfolger – hat alle Zahlungen an Acosta eingestellt. “Ich bin sehr berührt davon, dass Mario so einen großen Preis bezahlt hast. Die FIVB sollte Goijman seine Ausgaben bezahlen.” Andersen will weiter für Aufklärung arbeiten. Jeder der helfen will, ist herzlich eingeladen.

[➥][Daniel - James M. Dorsey: Die arabische (Fußball-)Revolution]

James M. Dorsey trägt nochmal vor, warum die arabische Revolution auch eine Fußballrevolution ist (siehe auch "Sport und Fußball im Nahen Osten"). Fußball ist im Nahen Osten extrem politisch. Fußball ist laut Dorsey sehr wichtig für den Dschihadismus, für Osama Bin Laden und andere, ergänzt Dorsey jetzt. “Die Madrid-Attentäter haben zusammen Fußball gespielt. Osamas Leute hatten einen Mini-Weltcup. Als Osama im Sudan war, hatte er zwei Fußballteams, die drei Mal in der Woche trainiert haben. Auch freitags, nach dem Gebet.”

Anschließendes Q&A:

“Ein Diktator ist ein Vater: Die Beziehung zu seinem Volk ist wie die Beziehung von einem Vater zu seinen Kindern. Viele wollen zwar Freiheit, wollen aber ihren Führer nicht demütigen, wollen ihm einen ehrenhaften Abgang geben. Das Nationalteam von Ägypten wurde lange wie Mubaraks Team gesehen.” Die FIFA greift nur sehr selten in die politische Einmischungen in dieser Region ein. In der – ich glaube ägyptischen – Premier League gehören vier von 16 Teams dem Militär, kein einziges Team hat sein eigenes Stadion. Beides ist laut FIFA-Regeln nicht erlaubt. Trotzdem unternimmt die FIFA nichts, sagt Dorsey.

Ultras in Nordafrika sind keine Randgruppe, sagt Dorsey. Es gibt zehntausende in Ägypten. Der Kampf zwischen Ultras und Polizei oder Militär entscheidet dort die Zukunft des Landes.

[➥][Ausklang]

So, die jungen Wilden haben schnell noch vom Büffet gehamstert, jetzt geht's ab in die Nacht. Bis morgen!